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Bückbürgertum – Ulf Poschardt

Ulf Poschardt: Bückbürgertum – Eine Geschichte verlorener bürgerlicher Kulturkämpfe von 1945 bis 2026. Westend Verlag, Neu-Isenburg, 15.06.2026, 352 Seiten. ISBN 978-3-98791-370-9. Das Buch kann hier im Achgut-Shop bestellt werden.

Rezension von Ulrike Stockmann, erschienen auf Achgut.com am 14.06.2026:

Ohne „Bückbürger“ keine „Shitbürger“?

Rund ein Jahr nach seinem Bestseller „Shitbürgertum“ setzt der WELT-Herausgeber Ulf Poschardt mit dem Folgeband „Bückbürgertum“ seine Sezierung der Erscheinungsformen bundesrepublikanischen Bürgertums fort. Der Grundtenor seines Buches kreist um die Frage: Welche Kräfte haben den Abstieg Deutschlands verursacht, welche haben dabei zugesehen – und welche haben ihm etwas entgegenzusetzen?

Bürgertypen gibt es demnach drei: Der „Shitbürger“ ist jenes Gewächs, das durch moralische Selbsterhöhung und intellektuelle Anmaßung allerhand ideologischen Unfug fabriziert – einerseits um die übrige Gesellschaft in Geiselhaft zu nehmen und andererseits um sich mittels ethischer Abkanzelung der anderen Vorteile zu ergäunern. Im Grunde sind die 68er sowie alle in ihrem Fahrwasser schwimmenden Milieus die Kernklientel dieser Definition.

Demgegenüber steht der „Bückbürger“, der sich vom „Shitbürger“ buchstäblich die Butter vom Brot hat nehmen lassen. Während ersterer mit dem berühmten „Marsch durch die Institutionen“ sich einen gesellschaftlichen Raum nach dem anderen erobert hat, wich der „Bückbürger“ in vorauseilendem Gehorsam zurück. Als Antwort auf „Eroberungsfeldzüge“ fanden nur „Rückzugsmanöver“ und keine Kämpfe um die gesellschaftliche Vormachtstellung statt. Ideengeschichtlich ließen sich die „Bückbürger“ widerstandslos von den „Shitbürgern“ überrollen.

Ergänzt wird dieser Reigen der Bürgerlichkeit noch vom „Fightbürger“, dem einzigen widerständigen bürgerlichen Milieu, das gegen die verlangte Anpassung rebelliert. Ihm will Poschardt den letzten Band seiner Trilogie widmen.

„Warum haben die Bürgerlichen es so weit kommen lassen?“

Zunächst stolpert man beim Lesen über die Flapsigkeit der Begriffe „Shitbürger“, „Bückbürger“ und „Fightbürger“, die im Kontrast zu der mitunter akademischen Ernsthaftigkeit stehen, mit der Poschardt diese Wortschöpfungen gebraucht. Zugleich wohnt ihnen natürlich auch sarkastischer Spott inne – und eine bewusst gewählte „sprachliche Unschärfe“, die die „realen Unschärfen“ abbilden soll. Das von Poschardt skizzierte Modell wirkt daher treffend, solange man es auch als Skizze beziehungsweise Modell begreift und nicht zu wörtlich oder eng auslegt.

Im Kern kreist Poschardts zweiter Band seiner „Kritik der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland nach 1945“ um die Frage, wie und warum die „Shitbürger“ eigentlich so viel Land gewinnen konnten und warum die „Bückbürger“ sich ihnen und ihren Ideen so kampflos ergeben haben. Das Bild des „Bückbürgers“ entstand durch Eindrücke, die Poschardt auf Lesungen zu seinem letzten Buch sammelte. Alle zeigten mit dem Finger auf den von ihm beschriebenen „Shitbürger“ und schienen froh, endlich die Schuldigen für die Misere Deutschlands gefunden zu haben: „Je öfter ich in den Gesprächen nach meinen Lesungen dieses Echo hörte, vorgetragen im Ton der Selbstentlastung, umso klarer wurde mir, dass das bestenfalls die Hälfte der Wahrheit sein kann. Warum haben die Bürgerlichen es so weit kommen lassen? Wann hat das alles angefangen? Ist die Erfolgsgeschichte des Shitbürgertums vielleicht nur ein Aspekt einer sehr viel grundsätzlicheren Fehlentwicklung in der Geschichte der Bundesrepublik?“

Zur näheren Untersuchung dieser Fehlentwicklung setzt Poschardt seine Bestandsaufnahme bundesrepublikanischer Bürgerlichkeit fort – mit originellen, treffenden und bisweilen bissigen Erkenntnissen.

„Die Gebücktheit des deutschen Bürgertums hat eine lange Vorgeschichte“, befindet er. Obwohl die Deutschen ein „im Denken, Komponieren und Dichten verfeinertes Volk“ sind, „fehlte die bürgerliche Revolution“, sodass „kein ökonomisch und politisch selbstbewusstes Bürgertum wie in England oder Frankreich entstand“. Der deutsche Untertan gilt Poschardt als opportunistischer Vorläufer sowohl des „Shit-“, als auch des „Bückbürgertums“.

Beide bundesrepublikanischen Erscheinungen haben ihre Wurzeln in der Stunde Null nach 1945 und der Frage des Umgangs mit der deutschen Schuld. Für letztere fand weder die eine noch die andere Strömung einen konstruktiven Umgang. Während die „Shitbürger“ ihre Schuld abspalteten und sich ungerührt zur „Moralelite“ der neuen Bundesrepublik aufschwangen, verleugneten die „Bückbürger“ ihre Schuld und büßten im Stillen. Daraus ergab sich ein Gebücktsein, das auch eine Anstandsdemonstration sein sollte. Eine Aufrichtung durch die bewusste Übernahme von Verantwortung und ein Auseinandersetzen mit dem eigenen Anteil an den Nazi-Gräueln konnte somit nicht stattfinden. Die Bildung eines echten bürgerlichen Selbstbewusstseins blieb dadurch jedoch versperrt.

Der Siegeszug der „Shitbürger“

Die somit in den Schatten verdrängten Schuldgefühle bildeten den Nährboden für eine neue Schieflage, die sich manifestierte, sobald die 68er-Generation ihren gesellschaftlichen Kampf begann. Die „Bückbürger“ überließen aufgrund ihres verdrängten schlechten Gewissens den „Shitbürgern“ die moralische Hoheit, da ihr Rückgrat eben immer noch gebeugt war. Auch die Konsumwelt des Wirtschaftswunderlandes betäubte die Aufmerksamkeit der „Bückbürger“, die außerdem den langfristigen Erfolg der Studentenbewegung nicht voraussahen. Der „Bluff der 68er“ mit seinen hedonistischen Verlockungen und charismatischen, intellektuellen Protagonisten verfing auch bei Konservativen, deren „Gefängnis bückbürgerlicher Ambition“ demgegenüber eng und trostlos erschien.

Der Siegeszug der „Shitbürger“ wurde neben den „Umbrüchen und Modernisierungszählungen von 1968“ auch noch mittels „Larmoyanz und Selbstkritik der ökonomischen Eliten nach dem Club-of-Rome-Bericht und der Ölkrise“ untermauert, eine Entwicklung, die „mit fast archaischen Schlachten rund um geplante oder begonnene Atomkraftwerke“ seitens der „Shitbürger“ fortgesetzt wurde.

Vor dieser Dynamik kapitulierten laut Poschardt schließlich auch eigentlich konservativ gesinnte Politiker: Zunächst Helmut Schmidt, „der zum Gefangenen seiner nach links drängenden Partei und des heraufziehenden grünen Zeitgeists geworden war“ und am Ende auch Helmut Kohl, der „bei der kulturellen Neubestimmung bürgerlichen Denkens“ scheiterte und mit der gesamten Union schließlich „Kultur und Zeitgeist vollständig den Sozialdemokraten, den Grünen und dem linken Rand“ überließ. Auch wenn Poschardt Kohl immerhin zugesteht, zu den „Fightbürgern“ zu zählen.

Auch die Wiedervereinigung änderte an dieser Entwicklung nichts. Die generelle Mischung aus bürgerlicher Verblendung, Ahnungslosigkeit, Laxheit und Feigheit forderte schließlich ihren Tribut: „Jeder Konservative, jeder Liberale, jeder im mildesten Sinne Bürgerliche registrierte um die Jahrtausendwende, dass sich bürgerliche Ideen, Werte und Gesten im öffentlichen Diskurs nicht mehr durchsetzen ließen. (R)ot-grüne Ideologen hatten dreißig Jahre nach Dutschkes Aufruf zum Marsch durch die Institutionen weite Teile der gesellschaftlichen Lufthoheit erkämpft.“

„Friedrich Merz bückte sich tief“

Mittlerweile waren die Babyboomer die prägende Generation des Landes – auch Poschardt, Jahrgang 1967, ist einer von ihnen. Dieser seiner Generation attestiert er Fleiß und Maß, aber auch Hedonismus und Erschöpfung. Und vor allem eine Abneigung gegen alles Extreme, die in ihrer Konsequenz zu Starre sowie Erlahmung führt und damit jeder Innovation den Weg versperrt: „So wurde das politische Denken der Mitte bei den Boomern zum Reflex des Misstrauens gegen alles Außergewöhnliche.“ Damit haben sie dem Land „auch jene Vitalität ausgetrieben, die Gesellschaften erneuert. Ihre Kinder und Enkel erleben nun, dass Normalität kein stabiler Zustand ist, sondern ein Gleichgewicht, das leicht kippt“.

Ein wenig schräg wirkt Poschardts Theorie des bürgerlichen Dreisprungs, als er sie auf Angela Merkel anwendet. Diese sei im Wahlkampf 2005 angesichts der legendären „Elefantenrunde“ mit Gerhard Schröder „aus ihrer alten fightbürgerlichen Identität, die sie in einer kaputten Art auch im kommunistischen Elternhaus erlebt hat, in eine postheroische Neuerfindung ihres Selbstbilds“ gestürzt – mutmaßlich, weil sie diese Sendung als traumatisch empfunden habe. In ihrem fortan profillosen Regieren sieht Poschardt das strategische Bücken einer Ex-Marxistin, die damit den Auflösungserscheinungen des Bürgertums entgegentritt – als eine Art Kapitalismuskritik, die demnach einem überzeugten sozialistischen Idealismus entspringen würde. „Eine gewagte These“, wie Poschardt selbst befindet, der ihr außerdem eine „bemerkenswerte Entwicklung von der Fightbürgerin über die Bückbürgerin bis zur Shitbürgerin“ attestiert. Und ihr nichtsdestotrotz „das ambitionslose Einknicken vor dem Zeitgeist“ vorwirft.

Das Bücken wurde somit weiterhin in der Union kultiviert. Dass die gebeugte Haltung auch unter seiner Ägide Programm bleiben würde, signalisierte Friedrich Merz in Rekordzeit noch vor seiner Wahl zum Bundeskanzler angesichts seines künftigen Koalitionspartners: „Friedrich Merz bückte sich tief, und zwar schon wenige Stunden nachdem die Verhandlungen begonnen hatten.“

„Der gebückte Poschardt“

Das wohl entscheidendste Kapitel ist jenes, in dem Poschardt Selbstkritik übt. Unter der Überschrift „Der gebückte Poschardt“ befindet er freimütig: „Ich habe mich oft gebückt. Nur nicht konsequent genug. Die Momente des Bückens waren in der Regel falsch, wenn auch aus den verständlichsten Gründen. Ich war immer auch Bückbürger.“ So rekapituliert er, wie er sich 2022 anlässlich eines Interviews mit Peter Sloterdijk bei diesem dafür entschuldigte, ihn noch 2016 wegen dessen Kritik an Angela Merkels Migrationspolitik gerügt zu haben. Poschardt hat bereits an anderer Stelle dargelegt, dass die Coronazeit ihn gewissermaßen radikalisiert und ihm den Weg zu einer aufrechten kritischen Haltung geebnet habe: „In der Zeit der Corona-Politik war bei Poschardt mit dem Bücken Schluss. Er war ans Ende seiner Illusionen gekommen.“

In der Tat wäre ohne diese eindeutige, wenn auch kurze Selbstbezüchtigung Ulf Poschardts facettenreiche Kritik des deutschen Bürgertums absolut nicht haltbar, sondern zutiefst unglaubwürdig, ja, lächerlich. So aber wirkt die Veröffentlichung von „Bückbürgertum“ wie ein ernstzunehmendes Eingeständnis des eigenen Irrens. Und wie das Angebot einer Katharsis durch Selbstkritik und Selbsterkenntnis an jene bequemen und ängstlichen Kreise, die zu lange geschwiegen haben und nun nach einem würdigen Weg aus der selbstgewählten Sackgasse suchen. Diesen Pfad kann nur jemand weisen, der wie Ulf Poschardt zu den bekanntesten Journalisten Deutschlands gehört und den Mut hat, zu seinen eigenen Fehlern der Vergangenheit zu stehen.

Erfolgte diese Wende nicht etwas spät, nämlich erst als andere bereits eine Lanze für unbequeme Meinungen gebrochen und dafür einen hohen persönlichen Preis gezahlt hatten? Ist Poschardt nicht auch Trittbrettfahrer auf Kosten anderer Autoren und Herausgeber, die schon ein Jahrzehnt zuvor ihren Kopf in die Schlinge gehalten und ihre lukrativen Positionen verloren haben? Muss Poschardt sich den Vorwurf des Wendehalses, der ihm schon bei der Veröffentlichung seines letzten Buches aus Teilen des freien Medienspektrums entgegenschlug, nicht einfach gefallen lassen?

So lauten gängige und auch nachvollziehbare Kritikpunkte, die das Auftreten des „geläuterten Poschardts“ seit einiger Zeit begleiten. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass bestimmte Positionen wohl erst dann mehrheitsfähig werden, wenn sie von Personen des Mainstreams getragen werden. Man kann Ulf Poschardt nicht absprechen, hier eine wichtige Vorreiterrolle einzunehmen, die die Pionierarbeit der freien Medien fortführt und anschlussfähig macht. Poschardt jedenfalls gibt zum 1. Juli auf eigenen Wunsch seine Rolle als Herausgeber bei WELT, Politico Deutschland und Business Insider Deutschland ab. Künftig will er der „freieste Autor“ und Podcaster dieser Premium-Gruppe des Springer-Verlags sein. Auch dies ist vielleicht ein entscheidender Schritt seiner persönlichen Genese.

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