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Der Asylkomplex – Björn Harms

Björn Harms: Der Asylkomplex – Wenn Steuergelder zur Beute werden. Langen Müller Verlag, München, 12.10.2026, 296 Seiten. ISBN 978-3-7844-3778-1. Das Buch kann hier im Achgut-Shop bestellt werden.

Rezension von Ahmet Refii Dener erschienen auf Achgut am 27.09.2026

„Der Asylkomplex“: Das Geschäft mit der Migration

Von Ahmet Refii Dener • Björn Harms hat mich mit seinem Buch „Der Asylkomplex – Wenn Steuergelder zur Beute werden“ vom ersten Moment an gepackt. Denn abseits von der meist moralisch geführten Flüchtlingsdebatte fragt er: Was geschieht, wenn immer mehr Menschen und Institutionen wirtschaftlich von jener Industrie abhängig werden, die rund um Asyl und

Die Aufgabe, dieses Buch zu rezensieren, landete vermutlich deshalb bei mir, weil ich seit Jahren immer wieder kritisch über Migration, Asyl und die deutsche Asylpolitik schreibe. Entsprechend glaubte ich, einiges über das Thema zu wissen. Björn Harms hat mich mit seinem Buch „Der Asylkomplex – Wenn Steuergelder zur Beute werden“ trotzdem vom ersten Moment an gepackt. Nicht unbedingt, weil alles, was er schreibt, vollkommen neu wäre. Vieles hat man vermutet, manches selbst beobachtet und über einiges wurde auch schon berichtet. Der Unterschied ist: Bei Harms bekommt vieles plötzlich Namen, Zahlen und Zusammenhänge.

Der Titel ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen. Harms schreibt nicht einfach ein weiteres Buch über Flüchtlinge und Migration. Ihn interessiert das, was sich um die Asylpolitik herum entwickelt hat. Unterkünfte müssen betrieben, Menschen betreut, bewacht, transportiert und verpflegt werden. Es werden Immobilien angemietet, Container aufgestellt, Integrationskurse veranstaltet und Beratungsstellen finanziert. Anwälte führen Verfahren, Wohlfahrtsverbände beschäftigen Mitarbeiter, NGOs erhalten Fördermittel und wissenschaftliche Einrichtungen befassen sich mit Migration. Harms unterscheidet deshalb zwischen der eigentlichen „Asylindustrie“ und dem größeren „Asylkomplex“, zu dem er auch das politische, administrative und gesellschaftliche Umfeld zählt.

Dass damit Geld verdient wird, ist zunächst einmal keine Sensation. Wo der Staat Milliarden ausgibt, gibt es zwangsläufig Menschen und Unternehmen, die dieses Geld für erbrachte Leistungen erhalten. Ein Sicherheitsdienst arbeitet nicht kostenlos, ein Vermieter verschenkt seine Immobilie nicht und ein Sozialarbeiter möchte am Monatsende ebenfalls sein Gehalt bekommen. Das ist auch nicht der Punkt, der mich beim Lesen beschäftigt hat. Interessant wird es dort, wo aus der Bewältigung eines Problems ein dauerhafter Wirtschaftszweig entsteht und immer mehr Existenzen von seinem Fortbestand abhängig werden.

Harms arbeitet sich mit einer beeindruckenden Menge an Zahlen, Quellen und Beispielen durch dieses Geflecht. Gelegentlich sogar mit zu vielen. Manche Tabellen habe ich irgendwann nur noch überflogen. Das kann man problemlos tun, ohne den Faden zu verlieren. Mir ist ein Autor, der mich mit Zahlen erschlägt, allerdings immer noch lieber als einer, der eine steile These nach der anderen aufstellt und die Belege dafür schuldig bleibt.

Nicht einmal böser Wille, sondern institutionelle Logik

Besonders interessant fand ich die Stellen, an denen Harms zeigt, wie breit das Geschäft inzwischen aufgestellt ist. Er nennt Immobilienunternehmen und private Vermieter ebenso wie Sicherheitsunternehmen, Caterer, Containeranbieter, Sprachschulen und Migrationsanwälte. Für 2025 führt er beispielsweise 143.221 neue Klagen gegen Asylbescheide an; zugleich beschreibt er staatlich finanzierte Asylverfahrensberatung und Rechtshilfestrukturen. An anderer Stelle beschäftigt er sich mit staatlich geförderten Organisationen und Projekten. Allein für das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ nennt er für 2026 rund 191 Millionen Euro für mehr als 500 Projekte, wobei selbstverständlich längst nicht alle davon dem Asylbereich zuzurechnen sind. Gerade bei solchen Zahlen muss man aufpassen, nicht alles in einen Topf zu werfen. Aber genau darin liegt für mich auch der Wert des Buches: Man bekommt eine Vorstellung davon, wie viele unterschiedliche Bereiche inzwischen mit Migration verbunden sind und welche Summen dabei bewegt werden.

Ich kenne einen kleinen Ausschnitt staatlich finanzierter Hilfesysteme aus meiner eigenen Arbeit als Erziehungsbeistand und in der sozialpädagogischen Familienhilfe. Deshalb weiß ich auch, wie falsch es wäre, jeden Menschen, der in einem solchen System sein Geld verdient, unter Generalverdacht zu stellen. Ich werde dafür bezahlt, jungen Menschen und Familien zu helfen, und trotzdem wünsche ich keinem meiner Schützlinge, dass er möglichst lange auf meine Hilfe angewiesen bleibt. Im Gegenteil: Eigentlich besteht erfolgreiche Hilfe darin, irgendwann nicht mehr gebraucht zu werden.

Bei Institutionen sieht die Sache zwangsläufig komplizierter aus. Sie benötigen Fälle, um Personalstellen zu rechtfertigen, Budgets zu erhalten und Strukturen aufrechtzuerhalten. Das ist nicht einmal böser Wille, sondern institutionelle Logik. Genau hier trifft Harms einen Punkt, über den viel zu selten gesprochen wird. Im Fazit beschreibt er diesen Selbsterhalt sehr anschaulich: Ein Betreiber benötigt belegte Betten, ein Wohlfahrtsverband Fallzahlen, eine Kanzlei Mandate und eine geförderte Organisation entsprechende Projekte und Förderperioden.

Die Ökonomie, die rund um Asyl und Migration entstanden ist

Und damit kommt man zu der für mich eigentlich entscheidenden Frage dieses Buches: Was geschieht, wenn immer mehr Menschen und Institutionen wirtschaftlich davon abhängig sind, dass ein gesellschaftliches Problem nicht kleiner wird?

Das bedeutet nicht, dass diese Menschen deshalb Migration verursachen oder dass jeder Beteiligte möglichst hohe Asylzahlen herbeisehnt. Eine solche Schlussfolgerung wäre mir zu einfach. Harms’ These ist interessanter. Er beschreibt einen Komplex, in dem wirtschaftliche Interessen, staatliche Finanzierung, Recht, Verbände und Politik ineinandergreifen. Nach seiner Darstellung braucht ein solches System neben denjenigen, die daran verdienen, auch Akteure, die es politisch begleiten, rechtlich absichern und öffentlich verteidigen.

An diesem Punkt musste ich mehrfach an Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab denken. Nicht weil Harms ein zweites Sarrazin-Buch geschrieben hätte. Dafür sind Ansatz und Gegenstand zu unterschiedlich. Für mich liest sich Der Asylkomplex eher wie eine Fortsetzung auf einem Teilgebiet. Sarrazin beschäftigte sich damals vor allem mit demografischen, gesellschaftlichen und integrationspolitischen Entwicklungen. Harms richtet die Kamera auf etwas, das inzwischen erheblich größer geworden ist: die Ökonomie und die Institutionen, die rund um Asyl und Migration entstanden sind.

Vielleicht erklärt das auch einen Teil dessen, was mich seit Jahren an der deutschen Asyldebatte irritiert. Wir reden ständig über Moral, Humanität, Abschiebungen, Obergrenzen, Grenzkontrollen und Integration. Viel seltener reden wir darüber, dass sich hinter all dem inzwischen ein gewaltiger Apparat befindet. Wer ernsthaft über eine grundlegende Veränderung der Asylpolitik spricht, spricht deshalb nicht nur über Migranten. Er spricht zwangsläufig auch über Arbeitsplätze, Aufträge, Mietverträge, Fördergelder, Projekte, Behörden, Beratungsstellen, Verbände und Geschäftsmodelle.

Wer lebt eigentlich alles davon, dass es so weitergeht?

Harms geht in seinem Fazit noch weiter und vertritt die These, dass der Selbsterhalt dieses Apparates selbst zu einem Hindernis für grundlegende Veränderungen geworden sei. Darüber kann und sollte man streiten. Nach fast 300 Seiten fällt es allerdings schwer, so zu tun, als gäbe es die dahinterliegenden wirtschaftlichen Interessen überhaupt nicht.

Das Buch ist brandaktuell, hervorragend mit Material unterfüttert und an manchen Stellen gerade deshalb etwas anstrengend. Wer keine Freude an Tabellen hat, darf einige davon getrost überblättern. Wer dagegen wissen möchte, welche Strukturen sich in Deutschland rund um Asyl und Migration entwickelt haben, wird reichlich Stoff finden. Ich halte es deshalb für ein Buch mit Bestseller-Potenzial.

Eigentlich müsste es viel mehr Menschen erreichen. Nicht damit anschließend alle derselben Meinung sind wie Björn Harms. Sondern damit eine Diskussion, die seit Jahren überwiegend moralisch geführt wird, endlich um eine ziemlich weltliche Frage ergänzt wird: Wer lebt eigentlich alles davon, dass es so weitergeht? Und nachdem man Der Asylkomplex gelesen hat, lässt sich diese Frage nicht mehr ganz so leicht beiseiteschieben.

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