Beitragsbild Frieden – wie geht das? – Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Frieden – wie geht das? – Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Klaus von Dohnanyi / Erich Vad: Frieden – wie geht das? Westend Verlag, Neu-Isenburg, 08.06.2026. 177 Seiten. ISBN 978-3-98791-368-6.

Zwei Stimmen, die man hören muss: ein Gespräch über den Frieden, das niemand führen will

Während das offizielle Deutschland stolz darauf ist, seit Jahren nicht mit Russland zu reden und die öffentliche Debatte den Kurs der Aufrechterhaltung des verteidigungsmilitärischen Status Quo mit der Gefahr weiterer Eskalationen ins Kalkül zieht, ja gar zur einzig möglichen Haltung verklärt, führen Klaus von Dohnanyi und Erich Vad das Gespräch, das sonst niemand führen möchte. Frieden – wie geht das? ist die Fortsetzung ihres Vorgängerdialoges Krieg oder Frieden (Westend Verlag, 2025) – und stellt die noch drängendere Frage, wie man Krieg vermeiden, ja konkret beenden kann.

Klaus von Dohnanyi, 1928 geboren, Jurist, ehemaliger Bundeswissenschaftsminister, Staatsminister im Auswärtigen Amt und Erster Bürgermeister Hamburgs (1981–1988), ist eine der letzten lebenden Stimmen der deutschen Nachkriegspolitik. Er lernte Reagan, Gorbatschow, Helmut Schmidt persönlich kennen. Er hat nicht nur über Sicherheitspolitik gelesen – er hat sie gemacht. Sein 2022 erschienener Bestseller Nationale Interessen (Siedler Verlag) stellte die transatlantische „Vasallentreue“ Deutschlands grundlegend in Frage; seitdem gilt er im herrschenden Meinungsklima als unbequemer Mahner.

Erich Vad, Brigadegeneral a. D., Jahrgang 1957, hat über Carl von Clausewitz (den preußischen Militärtheoretiker, 1780–1831) promoviert, war von 2006 bis 2013 Gruppenleiter im Bundeskanzleramt, Sekretär des Bundessicherheitsrates und militärpolitischer Berater Angela Merkels. Im Westend Verlag erschien zuletzt sein viel beachtetes Werk Ernstfall für Deutschland. Beide Autoren kennen den Apparat von innen – und reden trotzdem oder genau deshalb.

Frieden ist Arbeit – so lautet das letzte Kapitel des Buches, und der Satz ist zugleich sein Programm. Das Werk liegt als transkribierter Gesprächsband vor, ergänzt durch Gespräche, die die Autoren im März und April 2026 geführt haben; Stichtag der Herausgabe ist der 8. Juni 2026. Die Form – Dialog statt Abhandlung – ist nicht nur ein Stilmittel, sondern spiegelt die Grundhaltung des Buches: Frieden entsteht im Gespräch, nicht im Monolog.

Der Verlag benennt es so: In ihrem Buch suchen die Autoren nach Wegen aus der Gefahr hin zum Frieden. Frieden entsteht durch Augenmaß und Vernunft. Wer Krieg führt, muss den Frieden danach bereits mitdenken – und darf den Gegner vor allem nicht ausschließen.

Die Grundthese ist ebenso einfach wie im herrschenden Diskurs skandalös: Eine Friedensordnung in Europa ist nur möglich mit Russland, nicht gegen Russland. Dohnanyi zieht die Linie von Willy Brandt über Helmut Schmidt zu Helmut Kohl: Alle diese Kanzler wussten, dass ohne den russischen Nachbarn kein dauerhafter Friede möglich ist – und handelten danach. Die aktuelle Bundesregierung tue das Gegenteil: Sie führe die Außenpolitik der Biden-Administration fort, obwohl in Washington seit anderthalb Jahren eine andere Regierung sitzt und die USA längst auf allen Kanälen mit Moskau im Gespräch, zumindest aber Gesprächsbereitschaft signalisieren.

Der Erkenntnisgewinn des Buchs entfaltet sich Schicht für Schicht. Zunächst die EU-Frage: Der Beitritt der Ukraine zur EU wäre nach Artikel 42 des EU-Vertrages mit einer Beistandsverpflichtung verbunden, die sogar weiter geht als die entsprechende NATO-Klausel. Vad bringt das Argument auf den Punkt: Man würde sich damit das russische Problem in das Bündnis holen, somit könnte jeder kleine Grenzkonflikt zum Beistandsfall werden. Dohnanyi ergänzt: Die Kopenhagener Kriterien – Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsfreiheit, keine Krieg führenden Parteien – werden für die Ukraine schlicht außer Kraft gesetzt, während die Westbalkanstaaten seit 20 Jahren auf ihren Beitritt warten. Diese Ungleichbehandlung habe Methode und einen Namen: Um Willen des politischen Nutzens für die Ukraine, Europa in den Konflikt mit Russland zu ziehen.

In einem geopolitischen Kapitel stellt Vad die Frage, was Venezuela, der Ukraine-Krieg, das Auftreten chinesischer Zerstörer vor Taiwan und die Drohungen gegen Grönland und Panama gemeinsam haben: Es ist die konsequente Durchsetzung von Großmachtinteressen durch Machtprojektion – also genau das, was Russland vorgeworfen wird. Um das zu verdeutlichen, konstruiert Vad ein Gedankenexperiment: Was würden die USA tun, wenn Russland in Mexiko Militärstützpunkte und Raketenstellungen am Rio Grande errichten würde? Prompte Antwort seiner amerikanischen Gesprächspartner: Sofortiger Einmarsch. Der Verweis auf die Kubakrise von 1962 ist eben kein historischer Exkurs, sondern eine Blaupause: Was Kennedy nicht zulassen konnte, kann Russland mit Blick auf die Ukraine strukturell nicht zulassen, so die Argumentation der beiden Autoren.

Zum Thema Kriegswirtschaft liefert Dohnanyi – der die 1930er-Jahre als Kind noch bewusst erlebt hat – eine gewinnbringende Analyse: Die Parallelisierung der heutigen Auf- und Ausrüstungsdebatte mit den Dreißigerjahren sei nicht dazu gedacht, Kriegsabsicht zu unterstellen, wohl aber, auf die Logik der schrittweisen Einbindung in eine Kriegswirtschaft hinzuweisen, die am Ende Fakten schafft. Vad ergänzt die ökonomische Dimension: Über 65 Prozent der erhöhten NATO-Verteidigungsausgaben flössen in die US-Wirtschaft zurück, weil man überwiegend amerikanische Waffensysteme kaufe. Für Deutschland, das im Ernstfall das Aufmarschgebiet und die logistische Drehscheibe eines europäischen Krieges wäre, rechne sich Kriegswirtschaft schon deshalb nicht, weil am Ende zerstört wäre, was verteidigt werden sollte. Helmut Schmidt, von dem beide Autoren mit Hochachtung sprechen, habe das bereits klar gesagt.

Besonders brisant ist die Passage zum Nordstream-Anschlag. Vad verweist auf die Haltung des Bundesgerichtshofs, der dringende Gründe sehe, warum ausgerechnet der ukrainische Staat den größten Sprengstoffanschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte initiiert und gesteuert habe. Dohnanyi kommentiert, was ihn fassungslos mache: Der größte finanzielle Unterstützer der Ukraine habe damit den größten Infrastrukturangriff auf sein Eigentum seit der Staatsgründung erlitten – und keinerlei außenpolitische oder finanzielle Konsequenzen gezogen. Diese Beobachtung richtet sich nicht gegen die Ukraine als Nation, sondern gegen das politische Schweigen in Berlin.

Bezüglich des nuklearen Schutzversprechens der USA sind beide Autoren einig: Es war und ist eine strategische Illusion. Die Debatte über amerikanische Mittelstreckenraketen, die ab 2026 in Deutschland stationiert werden sollen – mit Angriffs- und Verteidigungskomponente, konventionell oder nuklear bestückt –, sieht Vad als hochgefährliche Entwicklung. Und Dohnanyi erinnert daran, noch unter Bundeskanzler Schmidt an einer NATO-Übung teilgenommen zu haben, bei der simuliert wurde, Deutschland nuklear zu verseuchen, um die Russen am Vormarsch zu hindern.

Wo liegen die Grenzen des Buches? Das Gesprächsformat bringt zwangsläufig Wiederholungen mit sich; manche Argumente werden mehrfach durchgespielt, ohne dass neue Aspekte hinzukommen. Und die Frage, was mit den russisch besetzten ukrainischen Gebieten konkret geschehen soll, bleibt offen – der Vorschlag einer „bewaffneten, neutralen Ukraine“ ist ein Zielkorridor, jedoch keine Verhandlungsfahrplan.

Frieden – wie geht das? Verlangt dem Leser etwas ab. Es verlangt, die eigene Haltung zum Ukrainekrieg ernst zu überprüfen – nicht, weil die Autoren Russland entschuldigen, sondern weil sie konsequent vom deutschen und europäischen Interesse aus diskutieren. Wer wissen will, warum Deutschland seit Jahren die Politik der Biden-Administration fortführt, während Washington längst eine andere Richtung eingeschlagen hat; wer verstehen will, warum der EU-Beitritt der Ukraine im laufenden Krieg ein sicherheitspolitischer Fehler wäre; und wer die Frage „Frieden: wie geht das eigentlich?“ nicht mehr mit Waffenlieferungen beantworten will – dem sei dieses Buch empfohlen.

(Dieser Beitrag wurde von der Verlagsredaktion mit Unterstützung von KI erstellt)

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