Henryk M. Broder
Der ewige Antisemit
– Über eine Leidenschaft, die nicht vergeht
Auch als E-Book erhältlich
hierEin Klassiker kehrt zurück: Broders Anatomie des Judenhasses – 1986 geschrieben, 2026 brandaktuell
Henryk M. Broder, 1946 in Katowice geboren, 1958 mit seinen Eltern nach Deutschland emigriert, ist seit Jahrzehnten eine der lautesten und präzisesten Stimmen im deutschen Feuilleton. Als Mitgründer von Achgut.com, langjähriger Spiegel-Kolumnist und Autor zahlreicher Bücher – zuletzt Good Morning Germanistan! (mit Reinhard Mohr, 2024), Durchs irre Germanistan: Notizen aus der Ampel-Republik (mit Reinhard Mohr, 2023) und Das ist ja irre!: Mein deutsches Tagebuch (2015) – hat er sich den Ruf erworben, politische Korrektheit ebenso schnell zu entlarven wie ihre Nutznießer. Nun feiert er am 20. August 2026 seinen achtzigsten Geburtstag, und die Achgut Edition nimmt dies zum Anlass, seinen vielleicht wichtigsten Text neu aufzulegen: Der ewige Antisemit, erschienen 1986, ist das Buch, mit dem Broder die bis dahin im deutschen Diskurs tabuisierte These vom linken Antisemitismus in die Öffentlichkeit trug.
Das Buch entstand aus einem konkreten Anlass: Im Herbst 1985 besetzte eine Gruppe jüdischer Demonstranten die Bühne der Frankfurter Schauspielhauses, um die Uraufführung von Rainer Werner Fassbinders Stück Die Stadt, der Müll und der Tod zu verhindern, dessen Hauptfigur schlicht „Der reiche Jude“ heißt. Die deutsche Öffentlichkeit reagierte auf die Besetzung mit einer Empörung, die Broder staunen ließ: nicht über das Stück, sondern über die Juden, die es verhinderten ärgerte man sich. Dieser Skandal bildet den Ausgangspunkt für eine Anatomie des deutschen Antisemitismus, die Broder seither in sieben Kapiteln ausbreitet.
Der Verlag beschreibt Broders Analyse so: Das Buch belegt anschaulich, dass Antisemitismus keine Spezialität rechter Dumpfbacken und Ewiggestriger ist, sondern zum systemischen Gedankengebäude Intellektueller aller Couleur gehört. Diese Zuweisung wirkte 1986 wie ein Skandal. Heute könnte man ihn als Zusammenfassung der jüngsten Nachrichten lesen.
Antisemitismus ohne Antisemiten
Broders Grundthese ist so einfach wie unerbittlich: Der Antisemitismus ist keine Abweichung von der Norm, er ist die Norm. Nicht derjenige, der Juden nicht leiden kann, verhält sich abweichend, sondern derjenige, der angeblich nichts gegen Juden hat. Für diese These, die er mit Bernhard Bahr, Jean-Paul Sartre und Léon Poliakov untermauert, gibt es einen britisch-amerikanischen Kalauer, den Broder wiederholt zitiert: „Antisemitism is if you cannot stand the Jews more than it is natural“ – Antisemitismus ist, wenn man die Juden noch weniger leiden kann, als es an sich natürlich ist.
Damit definiert er Antisemitismus nicht als pathologischen Ausrutscher, sondern als emotionalen Selbstbedienungsladen: ein diffuses Gefühl, das sich je nach Zeitgeist in wechselnde Gewänder kleidet. Mal ist der Jude Gottesmörder, mal Kapitalist, mal Zionist. Wechseln die Kleider, bleibt die Leidenschaft – was Hermann Bahr schon 1893 erkannte und was Broder für die Bundesrepublik der 1980er-Jahre scharfsinnig belegt.
Die These, die niemand hören wollte
Das eigentliche Herzstück des Buches ist die These vom linken Antisemitismus. Broder ermöglicht dem Leser, Schritt für Schritt nachzuvollziehen, wie er selbst zum Erkenntnisgewinn gelangte: durch die Entführung einer Air-France-Maschine nach Entebbe 1976, bei der jüdische Passagiere von deutschen Linksextremisten selektiert wurden, und durch die anschließende Solidarisierung weiter Teile der deutschen Linken mit dem ugandischen Diktator Idi Amin. Das sei für ihn, schreibt Broder, „der rabiateste Aufklärungsunterricht über die Qualität dieser deutschen Linken“ gewesen.
Der Nachweis, den er dann führt, ist buchgeschichtlich bedeutsam: Broder zeigt, dass der Antizionismus nicht das Gegenteil des Antisemitismus ist, sondern sein zeitgemäßes Kostüm. Für ein Volk, dem die Gründung eines „Judenstaates“ zur Last gelegt wird, gilt dieselbe Logik wie für Juden, denen das Bankenwesen oder die Presse zur Last gelegt wurde: Erst wenn Juden das tun, was alle anderen Nationen selbstverständlich dürfen – einen Staat unterhalten, Grenzen verteidigen, Krieg führen –, wird ihre besondere Schuldhaftigkeit sichtbar. Der „ehrbare Antisemit“ (Jean Améry) hat heute keinen Hass gegen Juden, er übt nur Israelkritik.
Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen
Zum philosophisch stärksten Kapitel des Buches gehört die Analyse der deutschen Entlastungsoffensive: In der Begeisterung, mit der Deutsche 1982 Israels Libanonkrieg als „Endlösung der Palästinenserfrage“ qualifizierten, erkennt Broder nicht politische Kritik, sondern das tiefere Bedürfnis, die Opfer von gestern zu Tätern zu machen. So wird die eigene Geschichte entsorgt. Den Psychoanalytiker Zvi Rix zitierend, formuliert er einen der denkwürdigsten Sätze des Buches: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“
Diese Umkehrung sitzt, weil Broder sie nicht polemisch behauptet, sondern in Dutzenden von Belegen aus linken Zeitschriften, ARD-Dokumentationen, Flugblättern, Universitätsschriften und seriösen Kommentatoren nachweist. Er seziert einen ZDF-Film, der den Leidensweg der Juden kurzerhand zum Leidensweg der Palästinenser umschreibt; er analysiert einen Grünen Kalender, der „Kauft nicht bei Juden“ empfiehlt; er zitiert Intellektuelle wie den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein, der die schweigende Mehrheit der Deutschen und die schweigende Mehrheit der Juden für gleichermaßen schuldig an der NS-Zeit erklärt. Und er tut dies ohne Schaum vor dem Mund – die Belege sprechen lauter als jede Empörung.
40 Jahre und kein bisschen veraltet
Im Vorwort zur Neuauflage spannt Broder den Bogen zur Gegenwart. Der 7. Oktober 2023, an dem die Hamas ihr Massaker an israelischen Zivilisten verübte, und die nachfolgenden Demonstrationen in deutschen Großstädten haben die Diagnosen von 1986 nicht widerlegt, sondern bestätigt und verstärkt. Der Antizionismus als salonfähige Form des Judenhasses ist längst keine Randerscheinung mehr, er verbreitet sich an Hochschulen, in NGOs, im Kulturbetrieb. Aus Fassbinders „Der reiche Jude“ ist der „kolonialistische Zionist“ geworden – der Vorwurf hat gewechselt, die Logik ist dieselbe geblieben.
Broder formuliert seinen Befund zur Neuauflage ohne Umschreibung: „Kein Antisemit würde je zugeben, dass er einer ist. Er wird sagen: 'Ich habe nichts gegen Juden, nur gegen Zionisten.' Oder: 'Ich übe doch nur Israelkritik, das ist nicht verboten.' Das ultimative Argument setzt der Heuchelei die Krone auf: 'Gerade, weil wir als Deutsche eine besondere Verantwortung für Israel haben…'.“ Wer die tägliche Berichterstattung verfolgt, wird dies in Variationen wiedererkennen.
Der ewige Antisemit ist kein bequemes Buch. Es enthält keine beruhigenden Schlussfolgerungen und keine optimistischen Appelle. Broders These – dass Aufklärung, Bildung und Gedenkkultur den Antisemitismus nicht aushöhlen, sondern bestenfalls seine Formulierungen verfeinern – lässt dem Leser keine gemütliche Ausflucht. Darin liegt die bleibende Qualität des Buches: Es beschreibt ein Muster, nicht einen Moment. Wer verstehen will, warum aus dem „Lernt endlich aus der Geschichte“ so selten etwas Greifbares jenseits von Sonntagsreden wird, findet hier eine Antwort, die nach 40 Jahren nichts von ihrer Schärfe und Aktualität verloren hat.
Autor
Henryk Modest Broder, geb 1946 in Katowice/Polen, kam 1958 mit seinen Eltern über Wien nach Köln, wo er zuerst den Führerschein und dann das Abitur machte. Sein Weg führte ihn von den St. Pauli Nachrichten, konkret und pardon über die Frankfurter Rundschau, die taz, die ZEIT und den SPIEGEL zur Welt-Gruppe. Mitbegründer der Achse des Guten. In seiner Freizeit sammelt er Schneekugeln und Kühlschrankmagneten und pflegt seinen Migrationshintergrund. Seiner letzten Buchveröffentlichung bei der Achgut Edition „Wer, wenn nicht ich – Henryk M. Broder“ (2019) folgt aktuell die Neuauflage seines Bestsellers von 1986 „Der ewige Antisemit“.
Kurzübersicht
- ISBN: 978-3-911941-10-5
- Buchart: Sachbuch – Zeitgeschichte / Gesellschaft
- Format: Hardcover (auch als E-Book erhältlich)
- Seitenzahl: 248 Seiten
- Buchgröße (cm) / Gewicht: 21,6 x 15,2 × 2,0 cm / 400 g
- Erscheinungsdatum: Neuausgabe / 20. August 2026